Wie die Schweiz Arbeit neu denk
- evaspatz

- vor 2 Tagen
- 7 Min. Lesezeit
Zukunft der Arbeit Schweiz
Ich stolpere in letzter Zeit immer wieder über Themen, die auf den ersten Blick gar nicht unbedingt zusammengehören.
E-ID.
Vertrauensinfrastruktur.
Digitale Nachweise.
Microcredentials.
Lebenslanges Lernen.
Berufsberatung.
KI.
Fachkräftemangel.
Arbeitsmarkt.
Jedes dieser Themen wird irgendwo einzeln diskutiert. Mal in den Medien, mal beim Bund, mal im Bildungsbereich.
Mich interessiert mittlerweile weniger das einzelne Thema als die Frage:
Was könnte entstehen, wenn man diese Dinge einmal nebeneinanderlegt?
Nicht im Sinne von: Das ist der Plan.
Sondern eher: Welche Richtung wird sichtbar?
Oder vielleicht noch vorsichtiger:
Welche Möglichkeiten entstehen überhaupt, wenn diese verschiedenen Systeme irgendwann anfangen, technisch dieselbe Sprache zu sprechen?
Was heute schon da ist
Die Schweiz beschäftigt sich schon länger damit, wie sich Arbeit verändert.
Berufe werden überarbeitet oder neu geschaffen. Das SBFI (das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation) passt Berufsbildung laufend an neue technische und wirtschaftliche Anforderungen an.
2026 wurden beispielsweise wieder zahlreiche Berufe neu geschaffen oder revidiert. Darunter auch der neue eidgenössische Fachausweis „AI Business Specialist“.
Auch Weiterbildung wird längst nicht nur als persönliches Interesse verstanden.
Sie soll unter anderem dazu dienen, mit technologischen Veränderungen mitzuhalten, neue berufliche Fähigkeiten zu erwerben oder sich neu zu orientieren, wenn eine bisherige Tätigkeit nicht mehr gefragt ist.
Das SBFI schreibt dabei ziemlich klar, dass Weiterbildung in erster Linie in der Verantwortung des Einzelnen liegt. Das ist für mich ein wichtiger Punkt.
Denn wenn sich die Arbeitswelt schneller verändert, bedeutet das im Umkehrschluss auch: Der einzelne Mensch muss sich schneller mitverändern.

Dann kommen die Microcredentials
Microcredentials sind im Grunde kleine Kompetenznachweise.
Nicht unbedingt ein kompletter Berufsabschluss, sondern einzelne Lernschritte oder Fähigkeiten.
Das kann ein kurzer Kurs sein.
Ein Softwaremodul.
Eine zusätzliche Fachkompetenz.
Eine neue technische Anwendung.
Ein Sprachmodul.
Ein branchenspezifischer Nachweis.
Ausstellen können solche Nachweise sehr unterschiedliche Stellen.
Schulen.
Hochschulen.
Unternehmen.
Branchenorganisationen.
Plattformen.
Private Anbieter.
Das SBFI beobachtet derzeit, welche Rolle Microcredentials künftig im Bildungssystem und auf dem Arbeitsmarkt spielen werden.
Noch ist vieles offen, aber die Richtung ist interessant.
Ein klassischer Abschluss sagt relativ grob:
Ich habe diesen Beruf gelernt.
Microcredentials könnten irgendwann viel kleinteiliger zeigen:
Ich kann dies.
Ich habe jenes gelernt.
Diese Kompetenz ist aktuell.
Diese fehlt noch.
Und damit wird ein Mensch für Systeme genauer beschreibbar.
Nicht als ganzer Mensch natürlich, aber als Kompetenzprofil.
Und genau dieser Unterschied könnte irgendwann wichtig werden.
Gleichzeitig entsteht die Vertrauensinfrastruktur
Mit der Schweizer E-ID wird nicht einfach nur ein digitaler Identitätsnachweis eingeführt. Parallel entsteht eine Vertrauensinfrastruktur für elektronische Nachweise.
Der Bund nennt dabei unter anderem:
Ausbildungsdiplome.
Berufsausweise.
Wohnsitzbestätigungen.
Führerausweise.
Weitere elektronische Nachweise sollen ebenfalls möglich sein.
Diese Nachweise sollen digital überprüfbar und maschinenlesbar sein.
Auch hier gilt:
Das bedeutet nicht automatisch, dass alles zentral über einen Menschen gesammelt wird. Die heutige Architektur ist anders gedacht. Und an diesem „anders gedacht“ bleibe ich inzwischen gerne ein bisschen hängen.
Denn was bedeutet das eigentlich?
Es bedeutet zunächst einmal:
Die heutige technische Architektur sieht bestimmte Schutzmechanismen vor.
Daten sollen nicht einfach in einem riesigen zentralen Personenprofil zusammenlaufen.
Nachweise können dezentral gespeichert werden.
Es gibt rechtliche Vorgaben.
Es gibt Datenschutz.
Es gibt politische Versprechen.
Es gibt technische Designentscheidungen.
Alles gut. Aber eine Infrastruktur ist nicht nur das, was ihre Erbauer heute mit ihr vorhaben. Eine Infrastruktur ist auch das, was später mit ihr möglich wird.
Und das sind zwei verschiedene Dinge.
Das Stromnetz wurde nicht gebaut, um Bitcoin-Mining zu ermöglichen.
Das Internet wurde nicht gebaut, damit wir irgendwann unsere Steuererklärung, unsere Liebesbeziehungen, unsere Bankgeschäfte und unsere politische Kommunikation darüber abwickeln. Das Smartphone wurde nicht als Zugangsschlüssel für praktisch das halbe Leben erfunden.
Systeme wachsen.
Sie verändern ihre Funktion.
Sie bekommen neue Nutzer.
Neue Gesetze.
Neue Schnittstellen.
Neue wirtschaftliche Interessen.
Neue Krisen.
Neue politische Begründungen.
Neue technische Möglichkeiten.
Und manchmal werden Dinge, die ursprünglich freiwillig oder ergänzend gedacht waren, später schlicht deshalb zentral, weil immer mehr andere Systeme beginnen, darauf aufzubauen. Das muss nicht so kommen, aber genau deshalb interessiert mich der Satz:
Die Architektur ist heute anders gedacht.
Denn „heute gedacht“ ist eben nicht dasselbe wie „morgen genutzt“.
Und damit zurück zur Vertrauensinfrastruktur.
Wenn sie technisch ermöglicht, Nachweise standardisiert auszustellen, vorzulegen und zu überprüfen, dann entsteht etwas, was vorher wesentlich aufwendiger war.
Nachweise werden maschinenlesbar. Und hier fange ich an, die Themen miteinander zu verbinden.
Was passiert, wenn diese Systeme irgendwann miteinander sprechen?
Nehmen wir nur einmal an:
Eine Person hat eine digitale Identität.
Sie besitzt digitale Ausbildungsnachweise.
Dazu vielleicht mehrere Microcredentials.
Ein Arbeitsmarktsystem kennt gleichzeitig die Anforderungen bestimmter Tätigkeiten.
Dann könnte eine KI vergleichen:
Was kann diese Person?
Was braucht diese Tätigkeit?
Was fehlt noch?
Und welche Weiterbildung würde diese Lücke schließen?
Das ist keine Science-Fiction, denn solche Matching-Systeme gibt es in Teilen bereits heute. In Verbindung mit verifizierbaren digitalen Nachweisen würde das Ganze aber wesentlich einfacher.
Dann könnte irgendwann nicht mehr nur gefragt werden:
Welchen Beruf hast du gelernt?
Sondern:
Welche Fähigkeiten hast du aktuell nachweislich?
Das ist ein Unterschied.
Und ich fliege gedanklich noch ein Stück weiter.
Wenn man nämlich nicht mehr primär Berufe miteinander vergleicht, sondern Fähigkeiten, dann wird die ganze Arbeitswelt feiner zerlegbar.
Eine Person ist dann nicht mehr nur:
Pflegefachperson.
Buchhalterin.
Verkäufer.
Grafikerin.
Sondern eine Ansammlung von Kompetenzen, Erfahrungswerten, Berechtigungen und Nachweisen. Und genau das kann eine Maschine viel besser vergleichen als einen menschlichen Lebenslauf mit all seinen Umwegen.
Vielleicht verändert sich damit auch die Berufsberatung
Berufsberatung war lange stark an Berufen orientiert.
Welcher Beruf passt zu mir?
Welche Ausbildung brauche ich?
Welche Weiterbildung wäre sinnvoll?
Heute geht es bereits stärker um Kompetenzen, Standortbestimmung, Chancen auf dem Arbeitsmarkt und Neuorientierung.
Angebote wie viamia für Menschen über 40 arbeiten genau in diese Richtung.
Wenn KI, Arbeitsmarktdaten und Kompetenzprofile stärker zusammenkommen, könnte Berufsberatung noch einmal anders aussehen. Vielleicht sagt ein System irgendwann nicht mehr:
Dieser Beruf könnte zu dir passen.
Sondern:
Deine Fähigkeiten passen derzeit zu diesen Tätigkeitsfeldern.
Dort verändert sich die Nachfrage.Diese Kompetenzen fehlen dir.
Hier könntest du sie erwerben.
Ob das so kommen wird, weiß ich nicht, aber technisch wäre es durchaus möglich.
Und dann wäre Berufsberatung nicht mehr nur Beratung.
Sie könnte irgendwann Teil einer laufenden Anpassungslogik werden. Das muss natürlich nicht böse gemeint sein, aber effizienter wäre es.
Auch Bewerbungen könnten sich verändern
Wenn Ausbildung, Berufserfahrung und zusätzliche Fähigkeiten zunehmend digital überprüfbar werden, stellt sich irgendwann auch die Frage:
Wie viel vom heutigen Bewerbungsprozess braucht es dann noch?
Lebensläufe.
Zeugnisse.
Erste Auswahlgespräche.
Mehrere Interviewrunden.
Vieles davon dient heute dazu, Informationen zu sammeln und Menschen miteinander zu vergleichen. Wenn ein Teil davon bereits digital vorliegt, könnte die Vorauswahl stärker automatisiert werden.
Vielleicht finden erste Gespräche mit KI statt. Vielleicht werden manche Bewerbungsgespräche ganz wegfallen. Nicht unbedingt, weil das jemand ausdrücklich beschließt, sondern weil Unternehmen Zeit, Personal und Kosten sparen wollen.
Das wäre nachvollziehbar, aber es hätte Folgen. Ein persönliches Gespräch hat auch etwas Ungeordnetes.
Jemand kann etwas können, das nirgendwo sauber dokumentiert ist.
Jemand kann einen ungewöhnlichen Weg gegangen sein.
Jemand kann im Gespräch etwas zeigen, das in keinem Credential steht.
Genau solche Dinge lassen sich nicht immer leicht in Kompetenzfelder übersetzen.
Und hier frage ich mich: Was passiert mit Menschen, deren Fähigkeiten real vorhanden sind, aber nicht sauber erfasst werden?
Was passiert mit Menschen, die viel können, aber wenig davon zertifiziert haben?
Was passiert mit Quereinsteigern? Mit Menschen mit schrägen Lebensläufen?
Mit Menschen, die vielleicht gerade deshalb interessant wären, weil sie nicht sauber in ein Raster passen?
Das finde ich fast spannender als die Frage, ob Bewerbungsgespräche irgendwann von KI geführt werden.
Vielleicht wird der Beruf irgendwann weniger wichtig
KI verändert oft nicht sofort ganze Berufe. Sie verändert einzelne Tätigkeiten.
Ein Teil fällt weg.
Ein anderer bleibt.
Ein neuer kommt dazu.
Wenn das schneller passiert, könnte der klassische Beruf als stabile Einheit an Bedeutung verlieren. Dann wäre vielleicht wichtiger:
Welche Fähigkeiten kann jemand einsetzen?
Welche davon werden gerade gebraucht?
Welche sind veraltet?
Welche müssen ergänzt werden?
Und genau dafür passen Microcredentials sehr gut. Nicht ein großer Abschluss für Jahrzehnte, sondern kleinere Nachweise, die laufend ergänzt werden können.
Das kann sehr praktisch sein. Es kann Menschen ermöglichen, schneller umzusteigen und Fähigkeiten sichtbar machen, die bisher untergingen.
Aber es kann auch bedeuten, dass der Mensch häufiger beweisen muss, dass er noch anschlussfähig ist.
Und da wird es für mich wieder interessant.
Lebenslanges Lernen klingt dann etwas anders
Lebenslanges Lernen klingt erst einmal positiv.
Neugierig bleiben.
Sich entwickeln.
Neues lernen.
Aber in einer sich schnell verändernden Arbeitswelt kann es auch etwas anderes bedeuten:
Du musst dafür sorgen, dass deine Fähigkeiten weiter gebraucht werden.
Das ist nicht dasselbe.
Wenn Weiterbildung immer stärker zur Voraussetzung dafür wird, im Arbeitsmarkt zu bleiben, verändert sich ihre Bedeutung. Dann ist sie nicht nur Möglichkeit.
Sie wird zunehmend Notwendigkeit. Und das SBFI schreibt heute schon, dass Weiterbildung in erster Linie in der Verantwortung des Einzelnen liegt.
Auch das muss man meiner Meinung nach mitdenken.
Denn wenn Anpassung dauerhaft notwendig wird, stellt sich irgendwann nicht nur die
Frage:
Was müssen Menschen lernen?
Sondern auch:
Wie oft?
Wie schnell?
Auf eigene Kosten?
In der Freizeit?
Neben einem ohnehin anstrengenden Job?
Und was passiert, wenn jemand sagt: Ich will das nicht mehr?
Die Schweiz scheint dabei nicht von „überflüssigen Menschen“ auszugehen
Zumindest sehe ich das in den offiziellen Dokumenten derzeit nicht.
Die Grundidee ist eher: Menschen sollen möglichst lange im Arbeitsmarkt bleiben.
Berufe werden angepasst.
Menschen bilden sich weiter.
Kompetenzen werden erweitert.
Erwerbspotenziale sollen besser genutzt werden.
Das passt auch zum heutigen Fachkräftemangel und zur demografischen Entwicklung.
Aber KI könnte die Geschwindigkeit verändern. Und wenn sich Tätigkeiten immer schneller verändern, könnte aus gelegentlicher Weiterbildung irgendwann eine dauernde Anpassung werden.Nicht zwingend, aber möglich.
Und genau an diesem Punkt lande ich wieder bei der Frage, ob wir diese ganzen Themen vielleicht zu isoliert betrachten.
Und dann wird die Vertrauensinfrastruktur plötzlich interessant
Für sich allein ist eine E-ID einfach eine digitale Identität. Ein Microcredential ist einfach ein kleiner Bildungsnachweis, eine Berufsberatung eine Beratung und eine KI ist ein Werkzeug.
Ein Arbeitsmarktinformationssystem ist ein Arbeitsmarktinformationssystem.
Aber wenn diese Dinge miteinander verbunden werden, entsteht möglicherweise etwas Neues.
Eine Infrastruktur, in der Menschen, Kompetenzen, Bildungsangebote und Arbeitsmarktanforderungen technisch miteinander vergleichbar werden.
Noch gibt es meines Wissens keinen veröffentlichten Schweizer Plan, der all diese Dinge zu einem einzigen System verbindet.
Das möchte ich ausdrücklich sagen.
Aber viele Bausteine existieren bereits oder werden diskutiert.
Und deshalb finde ich die Frage spannend:
Betrachten wir gerade viele einzelne Entwicklungen, obwohl sie langfristig vielleicht Teil derselben Veränderung werden?
Vielleicht geht es am Ende weniger darum, welchen Beruf jemand einmal gelernt hat.
Vielleicht geht es stärker darum, welche Fähigkeiten jemand aktuell nachweisen kann, welche davon gebraucht werden und welche als Nächstes ergänzt werden sollen.
Ob das gut ist oder schlecht, ist noch einmal eine andere Frage.
Mich interessiert zuerst:
Was wird technisch und institutionell möglich?
Und dann kommt für mich die zweite Frage:
Was wird daraus später praktisch gemacht?
Denn Systeme bleiben selten genau das, was sie am Anfang waren.
Sie wachsen.
Sie verbinden sich.
Sie werden selbstverständlich.
Und manchmal merkt man erst ziemlich spät, dass aus vielen kleinen, vernünftigen Einzelentscheidungen irgendwann etwas Größeres entstanden ist.
Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem es sich lohnt, zwischendurch einmal herumzufliegen, bei den einzelnen Themen kurz hineinzuschauen und dann wieder etwas höher zu steigen. Nicht um zu behaupten, dass alles genauso kommen wird, eher um zu fragen:
Wenn ich diese Punkte verbinde, welches Bild könnte daraus entstehen?
Quellen
SBFI: Microcredentialshttps://www.sbfi.admin.ch/de/microcredentials-de
SBFI: Weiterbildunghttps://www.sbfi.admin.ch/de/weiterbildung
SBFI: Förderung der inländischen Arbeitskräftehttps://www.sbfi.admin.ch/de/foerderung-der-inlaendischen-arbeitskraefte
SBFI: Neue und revidierte Berufe, darunter AI Business Specialisthttps://www.sbfi.admin.ch/de/newnsb/99wjr4Bk83kLHmHW7DhL5
E-ID / Vertrauensinfrastruktur des Bundeshttps://www.eid.admin.ch/de/vertrauensinfrastruktur
E-ID: neuer Zeitplan für die Einführunghttps://www.eid.admin.ch/de/20260625-neuer-zeitplan-fuer-die-e-id-und-der-vertrauensinfrastruktur
SECO: Arbeitsmarktanalysehttps://www.seco.admin.ch/de/arbeitsmarktanalyse
SECO: Arbeitskräftemangel und Erwerbspotenzialhttps://www.seco.admin.ch/de/newnsb/SO23GEuIdEZhLmZ2Q9lYB
Berufsberatung.ch: Sich neu orientierenhttps://www.berufsberatung.ch/de/sich-neu-orientieren
Berufsberatung.ch: Beratungsangebote und viamiahttps://www.berufsberatung.ch/de/ein-beratungsangebot-finden




Kommentare