Ein Bewusstsein bekommt Schuhe
- evaspatz

- 23. Aug.
- 3 Min. Lesezeit
Während ich in den letzten Tagen über Systeme nachgedacht und gesprochen habe, habe ich nebenbei ein Paar Babyschuhe gestrickt.
Masche für Masche.
Heute waren sie fertig.
Zwei winzige Schuhe für einen Menschen, der seine ersten Schritte in dieser Welt noch vor sich hat.
Und irgendwann lagen diese beiden Schühchen vor mir und ich dachte:
Ein Bewusstsein bekommt Schuhe.
Was Bewusstsein ist, wissen wir nicht genau.
Ich selbst gehe davon aus, dass Bewusstsein nicht erst mit der Geburt eines Menschen entsteht. Aber das ist mein Verständnis – und nicht etwas, das ich hier beweisen will.
Für diesen Text genügt etwas viel Einfacheres:
Ein Mensch kommt zur Welt.
Er ist lebendig.
Und er kommt in eine Welt, die schon lange vor ihm da war.
Eine Welt mit Familien und Gemeinschaften, Häusern und Straßen. Mit Staaten und Grenzen. Mit Geld und Eigentum. Mit Schulen, Versicherungen, Banken und Behörden. Mit Gesetzen, Rechten und Pflichten. Mit Registern und inzwischen immer mehr digitalen Systemen.
Nichts davon hat dieser kleine Mensch geschaffen.
Nichts davon hat er gewählt.
Und trotzdem wird er sich darin bewegen müssen.

Der erste Systemschuh
Schon kurz nach seiner Geburt wird das Kind registriert.
Damit beginnt seine administrative Erfassung innerhalb einer bereits bestehenden staatlichen Ordnung.
Und hier geschieht etwas, das mich interessiert:
Der Mensch ist da.Das System beginnt, ihn abzubilden.
Name. Geburtsdatum. Geschlecht. Abstammung und weitere Angaben werden erfasst.
Das alles sind Informationen über diesen Menschen.
Sie sind nicht der Mensch. Das klingt banal. Vielleicht ist es das aber gar nicht.
Denn von nun an werden im Laufe seines Lebens immer mehr institutionelle Beschreibungen hinzukommen.
Er wird Schüler sein.
Patient.
Versicherter.
Bürger.
Arbeitnehmer.
Steuerpflichtiger.
Mieter.
Kunde.
Kontoinhaber.
Vielleicht Antragsteller oder Beteiligter in einem Verfahren.
Und parallel dazu entstehen immer mehr Daten über ihn.
Jede einzelne dieser Kategorien kann für einen bestimmten Zweck notwendig sein.
Aber keine davon ist der ganze Mensch.
Das System muss reduzieren, um entscheiden zu können.Der Mensch muss das Ganze halten können, um diese Reduktion zu erkennen.
Schuhe, die für einen Menschen gemacht werden
Meine beiden kleinen Schühchen sind für einen konkreten Menschen gemacht.
Ich habe Maschen aufgenommen, gezählt, wieder aufgetrennt, weitergestrickt.
Irgendwann sollen dort zwei kleine Füße hinein.
Der Schuh ist für den Menschen gemacht. Dieser Gedanke gefällt mir.
Denn im Laufe unseres Lebens begegnen uns auch andere Schuhe.
Schuhe, die nicht für uns persönlich gemacht wurden.
Sie gehören zu einer bereits bestehenden Ordnung. Zu Rollen, Kategorien, Anforderungen, Regeln und Pflichten.
Dann dreht sich die Frage möglicherweise um:
Ist der Schuh für den Menschen gemacht – oder soll der Mensch in den Schuh passen?

„Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an.“
Wir kennen diesen Satz.
Normalerweise meinen wir damit:
Diese Zuschreibung übernehme ich nicht.
Diese Verantwortung gehört nicht zu mir.
Diese Rolle akzeptiere ich nicht.
Plötzlich gefällt mir dieser Satz noch aus einem anderen Grund.
Denn bevor ich einen Schuh anziehe, könnte ich ihn betrachten.
Wer hat ihn hingestellt?
Wofür ist er gedacht?
Passt er überhaupt zu mir?
Kann ich ihn wieder ausziehen?
Und manchmal:
Was geschieht, wenn ich ihn gar nicht erst anziehe?
Diese letzte Frage ist wichtig.
Denn sie zeigt etwas, das mit dem Wort Freiwilligkeit gerne unsichtbar bleibt.
Ob etwas tatsächlich freiwillig ist, erkenne ich nicht unbedingt daran, dass ich Ja sagen kann.
Interessanter ist:
Was geschieht, wenn ich Nein sage?
Ein Schuh, den ich ohne wesentliche Konsequenzen stehen lassen kann, ist etwas anderes als einer, den ich tragen muss, um mich innerhalb einer bestehenden Ordnung überhaupt bewegen zu können.
Das eine kann eine Wahl sein.
Das andere ist keine.
Wir kommen nicht bei null an!
Kein Mensch kommt in eine leere Welt.
Wir werden in Strukturen hineingeboren, die lange vor uns bestanden haben.
In eine Rechtsordnung.
In ein Wirtschaftssystem.
In gesellschaftliche Vorstellungen.
In Rechte und Pflichten.
In Institutionen.
In technische Infrastrukturen.
Und zunehmend in eine Welt, in der immer mehr Teile unseres Lebens in Daten übersetzt werden.
Der Mensch lernt erst noch laufen.
Die Systeme sind längst da.
Deshalb interessiert mich eine Frage immer mehr:
Können wir lernen, Systeme zu lesen und uns in ihnen zu bewegen, ohne irgendwann ihre Beschreibung von uns mit uns selbst zu verwechseln?
Vor mir stehen heute zwei kleine gestrickte Schuhe.
Sie gehören noch zu keinem Formular.
Zu keinem Benutzerkonto.
Zu keiner Steuererklärung.
Zu keiner digitalen Identität.
Sie sind für einen kleinen Menschen gemacht.
Ich wünsche diesem Menschen, dass er darin irgendwann seine ersten Schritte macht.
Dass er später seine eigenen Wege findet.
Und dass er im Laufe seines Lebens unterscheiden lernt:
Diesen Schuh brauche ich.Diesen Schuh wähle ich.Diesen Schuh muss ich tragen.Und diesen Schuh ziehe ich mir nicht an.
Vielleicht gehört genau das für mich zu Systeme lesen:
zu erkennen, welchen Schuh ich gerade vor mir habe – ohne darüber den Menschen zu vergessen, für dessen Füße Schuhe überhaupt gemacht werden.




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